FERRINGs Gründer: Dr. Frederik Paulsen, 1909-1997
Ein Wissenschaftler, der seiner Zeit voraus war

"FERRINGer" - so nennen sich die Bewohner von Föhr, einer nordfriesischen Insel im Wattenmeer vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Von dieser Insel stammten die Vorfahren von Friedrich Paulsen, der 1909 auf dem deutschen Festland als Sohn von Keike und Otto Paulsen geboren wurde. Otto Paulsen war Vorsteher des Postamts von Dagebüll.

Friedrich und seine fünf Geschwister wuchsen in Kiel auf, wo er schon früh Interesse an Kunst und Literatur zeigte. Seine Lehrer beschrieben ihn bereits als unabhängigen Denker. Nach dem Abitur entschloss er sich, trotz seiner ausgeprägten Vorliebe für die Geisteswissenschaften, zum Studium der Medizin - nicht zuletzt, weil dieser Beruf überall auf der Welt zum Wohle der Patienten ausgeübt werden kann.

Friedrich Paulsen verfasste seine Dissertation 1933 an der Universitäts-Frauenklinik Kiel, wurde aber vor seinem Abschlussexamen von der Gestapo verhaftet, da er Protestschriften gegen die Ermordung eines Kieler Sozialdemokraten im März 1933 verteilt hatte. Er bezeichnete dies als "einen der ersten Morde, der vom Hitler-Regime organisiert wurde". Aus diesem Grund verbrachte er den Großteil der folgenden zwei Jahre im Gefängnis.

1935 verhalf ihm seine Familie vor der drohenden Einweisung in ein Konzentrationslager zur Flucht. Friedrich Paulsen floh zuerst in die Schweiz, wo er rasch die noch fehlenden Abschlussprüfungen absolvierte. Im gleichen Jahr, an seinem 26. Geburtstag, traf er mit Doktortitel in Schweden ein. Hier änderte er seinen Vornamen in Frederik.

Den Schwerpunkt seines Lebens widmete Dr. Paulsen nun der medizinischen und wissenschaftlichen Forschung. Trotz seiner Notlage als Flüchtling fand er zunächst Arbeit am Hormon-Forschungsinstitut der Firma Organon, einem holländischen Unternehmen, und später eine "offizielle" Anstellung bei Pharmacia, einem jungen schwedischen pharmazeutischen Unternehmen.

Dr. Paulsen gewann allmählich die Anerkennung seiner schwedischen Kollegen und wurde ordentlicher Dozent an der Universität Lund. Seine Verbindung mit Anders Grönwall bei Lund führte zur Entwicklung des Blutplasma-Ersatzes Dextran für das Unternehmen Pharmacia. Während des Krieges war die Nachfrage nach Dextran so groß, dass es Pharmacia zu internationalem Ruhm verhalf.

In den 40er Jahren verlagerte Dr. Paulsen den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Erforschung der Peptidhormone. Peptide sind komplexe Moleküle aus Aminosäuren, die in fast allen Organsystemen des Körpers eine Rolle spielen. Ihr großes therapeutisches Potenzial weckte Hoffnung auf neue, wirksamere Behandlungen eines breiten Spektrums von Krankheiten.

Peptide hatten damals jedoch keinen kommerziellen Wert, bis 1948 zwei amerikanische Forscher das hypophysäre Stresshormon ACTH entdeckten, das eine ausgezeichnete therapeutische Wirkung bei Asthma und Arthritis zeigte. Dr. Paulsen und seiner Forschungsassistentin Eva Frandsen gelang es, ACTH kommerziell zu produzieren, indem sie es aus der Hypophyse von Schweinen extrahierten. Damals arbeiteten sie in ihrem Kellerlabor im Biochemischen Institut Stockholm.

Dr. Paulsen bot seine Forschungsergebnisse und Erfahrungen zum ACTH verschiedenen großen pharmazeutischen Firmen an, stieß jedoch überall auf Ablehnung. So wagte der Vater von sechs Kindern 1950 mit nur äußerst geringem Einstiegskapital die Gründung seiner eigenen Firma, der Nordiska Hormonlaboratoriet Aktiebolag, die er später in FERRING umbenannte. Anfangs war FERRING in hohem Maße von der Zusammenarbeit mit Schlachthöfen besonders in Dänemark und Schweden abhängig, um ACTH aus Schweinehypophysen zu gewinnen. Paulsens enge Kontakte zu anderen Forschern, insbesondere Dr. Lars Karlsson aus Lund, verhalfen FERRING schließlich zum Durchbruch bei der Entwicklung und Herstellung von synthetischen Peptid-Hormonen.

Die synthetische Produktion von Peptiden nach definierten technischen Vorgaben machte FERRING mit einem Schlag unter Pharmazeuten weltbekannt. Die weitere Forschung führte in den frühen 70er Jahren zur Entdeckung des antidiuretischen Wirkstoffs Desmopressin. Zunächst wurde es zur Behandlung der seltenen Krankheit des Diabetes insipidus centralis entwickelt, die extrem häufiges Urinieren verursacht. Dann erwies sich Desmopressin auch als wirksame Behandlung der Enuresis nocturna (Bettnässen bei Kindern und vereinzelt auch bei Erwachsenen). Desmopressinhaltige Arzneimittel wurden bald zu FERRINGs Flaggschiff und bestem Umsatzträger. Dem Erfolg von FERRING mit Desmopressin folgten andere kommerzielle Erfolge: mit Mesalazin, einem wichtigen Wirkstoff zur Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen und Menotropin, einem Hormon, das eine wichtige Rolle in der Kinderwunschbehandlung kinderloser Paare spielt.

Zu dieser Zeit zog sich der mittlerweile 60jährige Dr. Paulsen mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft der FERRING Pharmaceuticals zurück und übergab das FERRING-Management stufenweise seinem jüngsten Sohn Frederik. Mit seiner früheren Forschungsassistentin, die er 1958 heiratete, zog Dr. Frederik Paulsen in das Familienhaus der Paulsens auf Föhr. Von dort aus inspirierten sie durch ihre Arbeit auch weiterhin die Mitarbeiter von FERRING zur intensiven Forschung in verschiedenen therapeutischen Gebieten der Medizin. Jungen Forschern gegenüber fasste Dr. Paulsen seine Erfahrung so zusammen: "Es ist oft profitabler, ohne Gedanken an eventuelle Gewinne an einer wissenschaftlichen Aufgabe zu arbeiten, als nach etwas zu suchen, das Geld bringen kann. Zielgerichtete Forschung ist bemerkenswert unproduktiv. Wirkliche Resultate erzielt man teils durch glücklichen Zufall und teils durch wissenschaftliche Arbeit, die das Interesse anderer Wissenschaftler erregt."

Gemeinsam mit seiner Frau widmete Dr. Paulsen seinen Lebensabend den Menschen auf
Föhr, an deren geschichtlichem und kulturellem Erbe er großen Anteil nahm. Dr. Paulsen starb 1997 im Alter von 87 Jahren in seinem Haus auf Föhr.